Wir möchten Sie einladen, über die Bedeutung des Abendmahls
nachzudenken. Die Frage nach der theologischen Bedeutung und der evangelischen
Abendmahlslehre sollte dabei nicht von der Frage getrennt sein, was Ihnen
persönlich das Abendmahl bedeutet.
Jesus selbst hat mit seinen Jüngern Abendmahl gefeiert und ihm
seine Bedeutung gegeben. In den Evangelien von Markus (Kapitel 14), Lukas
(Kap. 22) und Matthäus (Kap. 26) erfahren wir etwas darüber.
Jesus war mit seinen Jüngern von seiner Heimat Galiläa im Norden des Landes nach Jerusalem im Süden gewandert, um dort mit ihnen das Passahfest zu feiern. Es erinnert an die Befreiung aus der Knechtschaft in Ägypten, als die Israeliten bei Nacht in großer Eile aufbrachen. Man hatte keine Zeit, das täglich zu backende Brot mit Sauerteig gehen zu lassen. So nahmen die Menschen ungesäuerte Brote mit auf den Weg. Damit Gottes Zorn nur die Familien der Ägypter treffen sollte, die das Volk an seiner Flucht hindern wollten, sollten die Israeliten ein Lamm schlachten und mit dessen Blut ihre Türpfosten bestreichen. So sollten sie zeigen, dass sie zu dem Volk gehörten, mit dem Gott einen Bund geschlossen und dessen Befreiung Gott beschlossen hatte. Bis heute feiern Juden in aller Welt Passah (Pessach) zum Gedenken an die Befreiung aus Ägypten, wie sie im 2. Buch Mose („Exodus“)in der Bibel aufgeschrieben ist.
Zusammen mit seinen Jüngern wollte Jesus also das Passahfest feiern, wie es Gottes Auftrag, sich an diese Errettung zu erinnern entsprach. Doch dann blieb es nicht bei der Erinnerung an die alte Geschichte und den vertauten Worten der Passahliturgie.
Jesus gab Brot und Wein eine neue Bedeutung: „Das ist mein Leib,
der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis.“ und
„dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen
wird!“ (Lukas 22,19-20). Kürzer gibt der Evangelist Markus wieder:
„Nehmet;
das ist mein Leib.“ Und „das ist mein Blut des Bundes, das für viele
vergossen wird.“
Jesus selbst ist das Passahlamm. In ihm schließt Gott einen neuen
Bund, der den alten nicht aufhebt, aber überschreitet. Nicht nur ein
auserwähltes Volk, sondern alle Menschen, die Jesus Christus vertrauen,
sollen durch ihn Befreuung erleben: Befreiung aus Schuld, Angst, Hoffnungslosigkeit
hin zur „herrlichen Freiheit der Kinder Gottes“ (Römerbrief 8,23,
Galaterbrief Kap. 4 und 5)
Diese neuen Worte Jesu wurden im Gottesdienst der christlichen Gemeinde
bei jedem Abendmahl wiederholt. Der erste Brief an die Korinther überliefert
sie als die heute noch genauso üblichen „Einsetzungsworte“ der Abendmahlsliturgie
(1. Kor. 11,23-26).
Wie Sie wissen, hat es um diese Worte unter Christen aber leider auch
viel Streit gegeben. Mit dem Nachdenken über die eigene religiöse
Praxis entwickelte sich die Abendmahlslehre. Der Versuch, das „Geheimnis
des Glaubens“ in Worte zu fassen rief Widerworte und andere Lehrmeinungen
hervor.
„Dies ist mein Leib“, über dem Brot gesprochen, führe zu
einer wesenhaften Verwandlung des Brotes in den Leib Christi (Transsubstantiation),
hieß es im 13. Jahrhundert. Die äußere Gestalt des Brotes
im Aussehen und Geschmack bleibe, doch nach seinem Wesen, seiner Substanz,
wird das Brot unter den Einsetzungsworten Leib Christi. Daran erinnern
in der katholischen Kirche bis heute die Schellen, die beim Abendmahl geläutet
werden. Die wesenhafte Verwandlung bleibt über die Feier des Mahls
hinaus bestehen. Deshalb kann Kranken eine geweihte Hostie gebracht werden.
Auch unter den Reformatoren wurde heftig über das Abendmahl gestritten. Martin Luther betonte bei den Worten „dies ist mein Leib“ das „ist“ und hielt daran fest, dass es wörtlich zu nehmen sei. Nach lutherischer Abendmahlslehre ist Christus durch sein Wort und seinen Geist während der Feier des Abendmahls „in, mit und unter Brot und Wein“ gegenwärtig (Konsubstantiation). Zum Kranken- oder Hausabendmahl gehören deshalb genau wie im Gottesdienst die Einsetzungsworte und das Vaterunser.
Mit dem Hinweis, dass in der von Jesus gesprochenen Sprache Aramäisch ein solches „ist“ gar nicht vorkommt, fassten Calvin und Zwingli diese Worte im Sinne von „das bedeutet mein Leib“ auf. Für sie lag das Schwergewicht nicht auf der Gegenwart Jesu in Brot und Wein, sondern eher in der Erinnerung, dass Jesus dies Mahl gestiftet hat und die Christen es in seiner Tradition feiern. Nach reformierter Lehre sind Brot und Wein Wahrzeichen dafür, dass Christi Leib und Blut auch für denjenigen dahingegeben wurden, der diese Wahrzeichen empfängt.
Statt Christen am Tisch des Herrn zu vereinen, hat der Streit um die „rechte“ Lehre über die Gegenwart Jesu im Abendmahl sie lange Zeit entzweit. Erst mit dem Einsetzen der ökumenischen Bewegung im 20. Jahrhundert gab es unter den Kirchen neue Verständigungsversuche. Die Leuenberger Konkordie, auszugsweise im Evangelischen Gesangbuch unter Nummer 811 zu finden, formulierte schließlich verbindlich eine gemeinsame Abendmahlslehre für die lutherischen, reformierten und unierten Kirchen.
Ausgehend von der Bibel (und weniger von der Dogmatik) sind für die Feier des Abendmahls folgende Aspekte von Bedeutung:
- Jesus ist bei ganz unterschiedlichen Menschen eingekehrt und hat mit ihnen Tischgemeinschaft gehabt. Was „Leben im Reich Gottes“ heißt, haben sie nicht nur in den Worten Jesu gehört, sondern in der Gemeinschaft mit ihm sinnlich erfahren (so auch in den Heilungen). Die Einladung zum Tisch des Herrn hat mit Psalm 34,Vers 9 „Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist.“ eine sinnlich erfahrbare Dimension.
- Jesus hat „mit Zöllnern und Sündern“ gegessen. Seine Worte „ mein Leib, für euch gegeben“ und „mein Blut, für euch vergossen zur Vergebung der Sünden“ verheißen denen, die heute zu seinem Mahl kommen, Vergebung ihrer Sünden, wenn sie diesen Worten und dem, der sie sagt, von Herzen vertrauen. Das Geschenk der Befreiung dürfen wir auch heute empfangen.
- Abendmahl am Tisch des Herrn, von ihm gedeckt und bereitet in seiner Hingabe und seinem verheißenden Wort, lässt uns heute Gemeinschaft mit Jesus Christus erfahren. Nicht der Pastor ist Gastgeber und Einladender, sondern Jesus Christus selbst. Gemeinschaft mit Jesus Christus ereignet sich in der Annahme von Brot und Wein.
- Im Abendmahl schenkt Jesus Christus uns Gemeinschaft miteinander. Er stärkt den Zusammenhalt der Gemeinde um ihn als die Mitte und führt in seinem Mahl auch immer wieder Menschen zusammen, die es gerade schwer miteinander haben. So hilft Jesus uns, den anderen neu zu sehen, einander zu vergeben und sich zu versöhnen.
- Wenn wir Abendmahl feiern, erinnern wir uns an das erste Abendmahl
Jesu mit seinen Jüngern „in der Nacht, da er verraten wurde“. Zugleich
haben wir einen Vorgeschmack auf das Abendmahl im Reich Gottes. „Ich werde
von nun an nicht mehr von diesem Gewächs des Weinstocks trinken bis
an den Tag, an dem ich von neuem davon trinken werde mit euch in meines
Vaters Reich“, sagt Jesus zu seinen Jüngern (Matthäus 26,29).
In der Abendmahlsliturgie kann dieser Blick in die Zukunft, die Gott offen
hält, auch aufgenommen werden: „Deinen Tod, o Herr, verkündigen
wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“
(eschatologischer Aspekt).
Am Ewigkeitssonntag, wenn wir der verstorbenen Gemeindeglieder gedenken,
kann das Abendmahl deshalb ein besonderer Trost sein.
In diesem Sinne ist das Abendmahl immer Wegzehrung, besonders in Zeiten,
wo Erfahrungen des Scheiterns, Leid oder Ungerechtigkeit quälen. Im
Abendmahl stärkt Christus uns, damit wir ihm treu bleiben und auf
seinem Weg weitergehen.
Protestanten und die Würde des Abendmahls
Im ersten Brief an die Korinther setzt sich Paulus auch mit denen auseinander,
die das Abendmahl als Gemeinschaft am Leib Christi mit einem gewöhnlichen
Sättigungsmahl verwechseln. Er schreibt: „Denn wer so isst und trinkt,
dass er den Leib des Herrn nicht achtet, der isst und trinkt sich selber
zum Gericht.“ (1. Kor.11,29). Seit dem ist viel zum würdigen und unwürdigen
Empfang des Abendmahls geschrieben worden.
Offenbar ist dies Nachdenken der Theologen nicht ohne Einfluss auf
die Abendmahlspraxis der Gemeinde geblieben. Weil das Abendmahl etwas Heiliges
ist, hat die Angst es zu schmälern oder selbst nicht würdig dafür
zu sein dazu geführt, dass es in vielen Gemeinden sehr selten gefeiert
wird (Karfreitag, Buß- und Bettag, Konfirmation) und viele evangelische
Christen gar nicht hingehen. Aber ist das nicht auch eine Art der Nichtachtung?
Ist es nicht besser, dem Vorschlag unseres Gesangbuches folgend in der
Stille zu beten: „Herr, ich bin nicht wert, dass du unter ein Dach gehst,
aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.“ (Nr.771 nach Matthäus
8,8; auch in der katholischen Abendmahlsliturgie).
Abendmahl mit Kindern
Die Frage, wer am Abendmahl teilnehmen darf, ist nach eingehender Beratung
bereits 1977 von unserer Kirchenleitung dahingehend beantwortet worden,
dass auch getaufte Kinder zum Abendmahl zugelassen sind, wenn ihre Eltern
oder Paten als erwachsene Kirchenmitglieder sie begleiten. Erst Konfirmierte
können eigenständig am Abendmahl teilnehmen.
Im September beginnt ein neues Projekt dazu. Kirchengemeinden, die
dies wünschen, bekommen einen kleinen Tonkelch geschenkt. Dieser Kelch
soll die Erwachsenen in den Gemeinden an Jesu Wort „Lasst die Kinder zu
mir kommen“ erinnern und an ihre Aufgabe, Kinder zu einem lebendigen Glauben
und zur Gemeinschaft mit Jesus Christus hinzuführen.
In unseren Gemeinden wird dies bisher unterschiedlich gehandhabt. In einigen Gemeinden werden Kinder gesegnet. In Escherode und Nieste können Kinder und Konfirmanden mit einem „Paten“ – das kann ein Mitglied der Gemeinde sein – zum Abendmahl kommen. Im Einzelkelch erhalten sie Traubensaft. In Landwehrhagen und Spiekershausen folgte der Kirchenvorstand kürzlich der Anregung dieses Projekts und befürwortet, wenn Kinder mit Eltern oder Paten zum Abendmahl kommen. Das Projekt unserer Landeskirche lädt uns ein, uns in unseren Gemeinden über unsere Abendmahlspraxis Gedanken zu machen. Damit unsere Kinder Bedeutung und Wertschätzung dieser Heilsgabe (Sakrament) von uns lernen können, so selbstverständlich, wie andere „Tischsitten“ auch.