Nieste, das Dorf an der Grenze
Im 13. Jahrhundert haben wir die früheste, bisher bekannte Nennung des Namens Nieste. Die Fürstentümer Hessen und Braunschweig stießen hier zusammen. Es gab sehr lange keine klare Grenze zwischen ihnen, sondern ein Grenzgebiet in dem Nieste lag. In einem Grenzvertrag vom 10. Januar 1536 wurde u.a. vereinbart, dass die Bewohner des Dorfes Nieste ihre Steuern an beide zu zahlen hatten. Das Dorf Nieste war also gemeinsamer Besitz, außer dem Bauern Heinrich Heine, gen. der Hessenmann. Die Zehnten gingen je zur Hälfte an das Rentamt Kassel und an das Rentamt Münden. Das jährlich in Nieste tagende „Gesamtgericht“ setzte sich je zur Hälße aus Hessischen und Braunschweigischen Richtern zusammen. Die Entscheidungen waren oft schwierig, weil jeder Richter sich bemühte, nach den in seinem Fürstentum geltenden Landesgesetzen vorzugehen.
Besonders wichtig war in diesem Staatsvertrag von 1536, dass Nieste keine Soldaten
zu stellen brauchte. Nieste war „Freidorf“, hier gab es kein Militärpflicht von 1536-
Erst durch einen Staatsvertrag zwischen dem Kurfürstentum Hessen und dem Königreich Hannover vom 23.Dezember 1831 ging Nieste im Austausch gegen die bisher Hessische Enklave Laubach ganz in Hessische Hoheit über. Schon in den nächsten Jahren holte sich der Kurfürst aus seinem nunmehr hessishen Dorf seine Soldaten. Alle Steuern gingen seit dem an das Kasseler Rentamt.
Nur die Kirche wird vom Pfarrer des benachbarten niedersächsischen Dorfes Escherode versorgt. Ein Jahr nach Abschluß des Grenzvertrages, wonach Nieste hessisch geworden war, sei ein Rückgang des Handels schon zu verzeichnen gewesen und der geringe Ackerbau des kleinen Walddörfchens konnte keinen Ersatz bieten. Der Anschluss Kurhessens an den Preußischen Zollverband habe die sonst so lebhafte Passage durch Nieste fast gänzlich abgeschnitten.
Aus dem gemeinsamen Besitz der Kirche wurde eine Angliederung der ganzen Kirchengemeinde an die hannoversche Pfarrei Escherode, die 1829 wieder gegründet worden war. Vorher hatten beide Kirchen zu Uschlag gehört. Durch den Grenzvertrag von 1831 wurde aus dem Kondominat Nieste ein hessisches Dorf.
Der Kurfürst von Hessen-
Nach dem Revolutionsjahr 1848 schloss sich der Kurfürst den süddeutschen Fürsten an und wandte sich ab von dem Königreich Hannover. Jetzt schien es unerträglich, dass die evangelischen Untertanen von Nieste zur hannoverschen Kirche nach Escherode eingepfarrt wurden. Also versetzte man 1852 einen Vikar aus Hessen zur Verwaltung der evangelischen Kirchengemeinde nach Nieste. 1866 kam Kurhessen ebenso wie das Königreich Hannover an Preußen. Das hessische Prestigepfarramt Nieste hatte seinen Sinn verloren.
Durch Umpfarrungsdekret vom 22.07./ 07.08.1873 wurde die selbständige Pfarrei Nieste aufgehoben. Die Kirche kam wieder als Filiale zu Escherode und ist noch heute mit dieser Pfarrei verbunden.
Unsere Vorfahren in Nieste hatten es schwer. Sie mussten in harter Arbeit um ihr Dorf den Urwald roden. Der Ackerboden aber, den sie gewannen war nur kärglich. Entweder bestand er aus zähem, wenig wasserdurchlässigem Lehm oder er war steinig, immer aber kalkarm. Dieser Boden konnte keine großen Ernten bringen, darum blieben die wenigen Bauernhöfe klein. Unser Dorf entwickelte sich nur sehr langsam. 1842 hatte Nieste 534 Einwohner, 1932 waren es 835 Einwohner. Die Niester waren auf Nebenerwerb angewiesen. Viele Einwohner waren Leineweber und Bleicher. Sie bleichten das Leinen auf den Bleichwiesen am Rande des Dorfes am Niestebach. Da die Niester Bleicher oft auch Leinen aus anderen Dörfern in Lohn bleichten, mussten sie dann auch bei Hochwasser für die Schäden aufkommen. Um 19oo wurden die Webstühle einer nach dem anderen, auf den Boden gepackt und auch die Bleicher starben als Beruf aus. Viele Niester gingen in das Braunkohlebergwerk Kaufungen oder als Fabrikarbeiter nach Kassel. Andere wiederum lebten vom Wald, sie waren als Waldarbeiter tätig, brannten als Köhler Holzkohle oder sammelten dürres Holz, das sie in Wellen bündelten, mit dem Handwagen nach Kassel zum Holzmarkt brachten und es dort verkauften.
Wer zum Dorfarmen erklärt wurde, musste von den übrigen Einwohnern verkostigt werden.
Das Gemeinschaftleben in der Gemeinde entwickelte sich seit Ende des 19.Jahrhunderts in den Vereinen. Der einzelne Bürger konnte hier beweisen, dass er seinen Anteil für eine gemeinsame Sache zu leisten bereit war. Darum kommt den Vereinen eine große Bedeutung zu. Mit dem Beginn des 1. Weltkrieges am o2.o8.1914 endete zunächst aller Fortschritt und Not, Hunger und Trauer zagen auch in unserer Gemeinde ein. Der Steckrübenwinter 1917 war wohl für viele Menschen, die nicht eine kleine Landwirtschaft betrieben, eine schwere Belastungsprobe. Not und Unzufriedenheit steigerten sich von Jahr zu Jahr. So atmeten wohl die meisten Menschen auf, als das Ringen dieses weltweiten Krieges am o9.11.1918 zu Ende ging. Der Zusammensturz des alten Reiches und die Unruhe der Revolution waren auch in unserem Dorf zu spüren. Zu einer harten Bewährungsprobe für das deutsche Volk wurde das Jahr 1923.
Die Inflation trieb nun ihrem Höhepunkt zu. Die Weltwirtschaftskrise, besonders aber
in Deutschland, das schwer mit dem Kriegsfolgen und der Bezahlung der Kriegsschulden
zu kämpfen hatte, zeichnete sich 1929 ab. Auf dem Höhepunkt der Krise im Winter 1932i33
wurde Hitler zu0Reichskanzler berufen. Es scheint in Nieste nicht leicht gewesen
zu sein, sich mit den neuen Verhältnissen abzufinden, denn die Mehrheit der Niester
Bürger hatten in den zurückliegenden Jahren zu etwa 6o -
Im Juni 1945 wurde das Potsdamer Abkommen von den Siegern unterzeichnet, Deutschland in vier Besatzungszonen aufgeteilt. Nieste wurde wieder ein Dorf an der Grenze.
Am Eingang des Dorfes von Dahlheim her und am Ende der Witzenhäuser Straße wurden Schlagbäume aufgestellt. Das Dorf selbst gehörte zur amerikanischen Besatzungszone, aber alle Ländereien die in den Gemarkungen Escherode und Uschlag lagen, zählten zur Britischen Zone.
Es galt zunächst einmal den Hunger zu überwinden und die Lebensbedürfnisse zu sichern: d.h. Wohnraum für Flüchtlinge zu beschaffen, für Heizmaterial in der kalten Jahreszeit zu sorgen. Jeder Quadratmeter Boden musste für die Erzeugung von Lebensmitteln ausgenutzt werden. An Flüchtlinge wurden kleine Parzellen verpachtet, damit auch sie sich zusätzlich mit frischem Salat, Erbsen, Bohnen und Möhren versorgen konnten. So wurden die Niester Bürger erstmals mit Paprika bekannt gemacht, der von ungarndeutschen Flüchtlingen hier angebaut wurde.
Der wirtschaftliche Neubeginn war die Währungsreform am 2o.o6.1948. Im November 1948 feierten wir in unserem Ort die 1. Kirmes nach dem Krieg. Die Kirmesburschen waren meist heimgekehrte Soldaten des 2. Weltkrieges, die z. T, auch noch das bittere Los der Kriegsgefangenschaft erleben mussten. Das Leben in unserem Dorf wurde letztlich zum größten Teil durch die gesamtpolitische Entwicklung unseres Landes bestimmt.
Ende 1949 und im Januar 195o kamen die letzten Kriegsgefangenen aus Rußland zurück.
Die immer kleiner werdenden Viehbestände und die Entwicklung in der Landwirtschaft haben in den 5oer Jahren dazu beigetragen, dass die vor fast jedem Haus befindlichen Dungstätten (Misten) aus dem Dorfbild verschwanden
Das Dorf Nieste nahm 1976 an dem Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ teil
und wurde 1. Bezirkssieger. Die Förderung des Fremdenverkehrs innerhalb der Gemeinde
Nieste brachte nicht den gewünschten Erfolg. Anläßlich des 2. Dorf-
Ende er 6o er und Anfang der 7o er Jahre wurde über die Gebiets-
Anfang der 9o er Jahre hat die Gemeinde Nieste ein neues Baugebiet für 81 Häuser ausgewiesen. Die BaugrundstQcke waren innerhalb weniger Jahre verkauft und bebaut. Nieste ist eine reine Wohngemeinde mit keinem größeren Gewerbebetrieb und hat heute ca. 1850 Einwohner.
Es gibt in der Gemeinde einen Kindergarten mit drei Gruppen, eine Grundschule, einen
Lebensmittelmarkt, eine Bäckerei, einen Schleckermarkt, eine Bau-
Es besteht eine gute Busverbindung zur Stadt Kassel.
Nieste ist Ausgangspunkt für zahlreiche große und kleinere Wanderungen im Naturpark
Münden-
Justus Vetter
Die polit. Gemeinde Nieste / Hessen besuchten diese Seite von Escherode -