BETEN – WAS IST DAS?
Für die einen ist es so selbstverständlich wie Essen
oder Atmen, anderen sagen: „Das ist nichts für mich.“ Manche wünschten
sich, sie könnten voll Vertrauen beten, doch sie haben das gleiche
Gefühl, wie es ein Gebetsanfang zum Ausdruck bringt: „Herr, wenn ich
bete, ist es, als spräche ich in einen leeren Raum.“
Verlegenheit oder das Gefühl „Ich kann gar nicht beten“ sind nicht erst Folge unserer modernen, aufgeklärten Zeit. Sie finden sich schon im Neuen Testament. Die Jünger bitten Jesus: „Herr, lehre uns beten“. (Lukas 11,2) Vielleicht haben sie wie manche anderen, die Jesus kritisiert (Matthäus 6,5), zuvor gedacht: Beten heißt viele fromme Worte aufsagen. Der Apostel Paulus sagt sogar: „Wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt“ (Römer 8,26).
Die Frage „Wie können wir beten?“ ist also nicht neu. Jesus hilft seinen Jüngern, indem er sie das Vaterunser lehrt, und Paulus sieht sich dadurch getröstet, dass Gott selbst uns beim Beten zu Hilfe kommt.
Das Wesentliche des Gebets hängt nicht an einer besonderen Sprache oder Form. Es ist schlicht „vor Gott ausgebreitetes Leben“. Ausgebreitet in der Stille, in Gedanken, in Worten oder - wie es bei Paulus heißt – „mit unaussprechlichem Seufzen“ (Römer 8,26).
Beten ist daher vielgestaltig. Es umfasst den Stoßseufzer und die Gedanken in der Stille, den gesungenen oder gesprochenen Lobpreis und die Fürbitten im Gottesdienst, das Vaterunser, mit dem man den Tag beginnt oder beschließt, der Vers oder das freie Gebet, das Eltern oder Großeltern mit einem Kind vor dem Schlafengehen sprechen.
„Beten beginnt mit der Aufmerksamkeit für das wirkliche Leben.“, schreibt Christoph Bartels in einem Gebetsheft unserer Kirche mit dem Titel „Schritte zum Beten“. Wer betet, nimmt die Welt, sich selbst und andere neu wahr. Sie wird die Welt, der andere, ich selbst vor Gott und von Gott. Allein dadurch verändert beten schon. Oft steht das Gebet zwischen dem Leiden am wirklichen Leben und der Hoffnung nach einem besseren und bestärkt uns oder eröffnet uns einen neuen Weg.
Jedes Gebet findet seinen Weg zu Gott, denn Gott selbst hilft uns durch seinen heiligen Geist (Römer 8,26). Der uns in Jesus Christus nahe kommt, so nahe, dass wir ihn Vater nennen dürfen, wartet darauf, dass aus dem Reden über Gott ein Reden auf Du und Du wird, so wie man mit einem Freund oder einer Freundin reden kann, der man nichts vormachen kann und will.
WIE KANN ICH BETEN?
Wer zu seiner eigenen Art zu beten finden möchte, nehme sich Zeit. Jede/r wird selbst herausfinden, welche Zeit des Tages oder welcher Ort ihr/ ihm dazu besonders geeignet erscheint: sind es die ersten oder letzten Gedanken des Tages, die einen bewegen oder das, was man bei einem Spaziergang unter freiem Himmel als Zwiesprache erlebt? Oder ist es der ruhige Platz und die angezündete Kerze, die einem helfen, sein Leben als Leben vor Gott zu begreifen? Manche Menschen nehmen unbewusst eine bestimmte Haltung des Körpers oder der Hände ein.
Gebet braucht Nahrung, wie ja auch unsere Unterhaltungen mit anderen Gesprächsstoff benötigen. Der Alltag und die Wirklichkeit, die Sie selbst beschäftigen, sind die eine Quelle. Eine andere können aufgeschriebene Gebete anderer sein. Ihre Gedanken und Gefühle können uns helfen, die eigenen in Worte zu fassen. Gebete finden Sie im Gesangbuch oder in Gebetsbüchern. Aber auch die Psalmen der Bibel können eine Hilfe dazu sein. In ihnen spiegelt sich eine breite Palette von Lebenssituationen, die Menschen vor Gott ausbreiten. Freude, Jubel und Dank haben darin ihren Platz genauso wie Klage und Sorgen oder die Bitte um Hilfe in der Not. Ein einzelner Vers kann dabei völlig ausreichen. „Herr, sei mir gnädig, denn ich bin schwach; ...und meine Seele ist sehr erschrocken“ (aus Psalm 6). Diese Worte laden ein, die eigenen Ängste vor Gott zu bringen. So kann uns etwas leichter ums Herz werden, denn dann bleiben wir nicht allein damit.
Viele Psalmen strahlen Zuversicht aus und machen Mut: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“ (Psalm 23). „Der Herr ist mein Licht und mein Heil“ (Psalm 27). Sie können uns auf die Spur bringen, wo Gott uns Zeichen der Ermutigung schenkt und wir Ruhe oder Kraft zum Leben gewinnen können.
Auch da, wo wir uns von Gott verlassen fühlen, helfen sie uns, nach ihm zu fragen. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch ich finde keine Ruhe.“ (Psalm 22). Es dürstet meine Seele nach dir, mein ganzer Mensch verlangt nach dir aus trockenem, dürrem Land, wo kein Wasser ist“(Psalm 63,2). Diese Worte können auch unserer Sehnsucht nach Leben oder Hilfe zum Leben Bahn brechen.
Wer betet, wendet sich Gott zu. Er/ sie gibt dadurch seine persönliche Antwort auf Gottes Werke für uns. Wer betet, wird aber auch auf seine Fragen, die er/ sie hat, von Gott Antwort erhalten. Nicht immer gleich und nicht immer so wie vielleicht erhofft, aber gewiss.
Von Kind auf ist vielen das Vaterunser vertraut, spätestens aber seit dem Konfirmandenunterricht. Unzähligen Menschen ist es gerade in Grenzsituationen eine tief in die Seele reichende Hilfe gewesen. Wenn ich es am Krankenbett, nach einem eingehenden Gespräch über all das, was belastet, mit dem Patienten bete, erlebe ich danach beim Patienten fast immer tiefe Entspannung und Dankbarkeit.
Eine Frau erzählte mir, wie sie das Vaterunser geholfen hat, als sie ihre im Sterben liegende Schwägerin in deren letzten Stunden begleitete: "Ich las ihr ihren Konfirmationsspruch vor. Ich erinnerte sie an schöne Erlebnisse und Erfahrungen aus ihrem Leben, von denen auch ich wusste. Ich sprach von dem, was jetzt um sie herum schön ist - die Frühlingssonne, das Erwachen, die Menschen in der Nähe...Und als ich damit am Ende war, da suchte ich - und schließlich fiel mir ein, das Vaterunser für sie zu beten. Ich legte meine Hände auf die der Sterbenden, ganz leise und behutsam, und sprach dann die alten Worte. Danach, ob es Augenblicke oder Minuten waren, weiß ich nicht mehr, hörte ich von der Kranken einen tiefen Seufzer, der mir ganz stark nach Erlösung klang - und meine Schwägerin hatte es geschafft."

Das Größte, was einen Menschen aufgegeben wird, ist das Sterben - Müssen, das Überwinden dieser Grenze. Das Einfinden in die Worte des Gebetes Jesu kann da zu einem entscheidenden, Wege öffnenden Anstoß werden.
Allerdings sagen manche auch, das Vaterunser sei der größte
Märtyrer, denn es werde oft nur gedankenlos dahergeplappert. Vielleicht
sind folgende Zwischentexte zwischen den Vaterunser - Worten (Verf.: K.
Rommel) eine Hilfe, dieser Gefahr nicht zu erliegen.
| Vater unser | und aller Menschen,
aller Völker, |
| Dein Name werde geheiligt | durch das, was wir glauben und tun |
| Dein Reich komme | zu uns in unser Denken und Planen,
in unsere Ängste und Sorgen, in unsere Häuser und Gemeinden |
| Dein Wille geschehe wie im Himmel | durch deine Liebe |
| so auf Erden | durch unsere Liebe. |
| Unser tägliches Brot | dein Brot auf dem Tisch
und dein Wort als Brot |
| gib uns | und allen,
die nach deinem Brot schreien |
| heute | und morgen und alle Tage. |
| Und vergib uns unsere Schuld, | die uns täglich belastet,
die uns von dir und den Brüdern trennt, |
| wie wir vergeben unseren Schuldigern | und es immer
wieder versuchen zu tun. |
| Und führe uns nicht in Versuchung | durch die Vielzahl der Möglichkeiten,
Angebote, Meinungen und Stimmen, |
| sondern erlöse uns von dem Bösen, | dem Hunger nach Macht,
dem Hass gegeneinander, der Angst vor dem Tod. |
| Denn dein ist das Reich | der Liebe und des Lebens, |
| und die Kraft | gegen Schuld und Tod |
| und die Herrlichkeit | des Lebens in Freude
und Friede und Freiheit |
| in Ewigkeit. | Amen. |