Das Glaubensbekenntnis
Wie sag’ ich’s meinem Kinde?
Marco besucht seine Großeltern auf dem Land. Er ist zwölf Jahre alt. Es ist nach vielen Jahren das erste Mal, dass er für paar Wochen die Großeltern besuchen darf.
Am Sonntag nehmen ihn seine Großeltern mit in den Gottesdienst. Marco kennt das nicht: seine Eltern sind aus der Kirche ausgetreten und überhaupt denken sie ganz anders als die Großeltern. Alles ist so fremd: die Bilder an der Wand, die Orgelmusik, der Gesang, die Liturgie, der schwarzgekleidete Pastor. Aber Marco saugt gewissermaßen alles in sich auf. Jetzt sind  die Leute wieder alle aufgestanden und reden alle gleichzei-tig. Marco hört dem Gemurmel genau zu: „Ich glaube an Gott....“ Als die Gemeinde wieder sitzt, und bevor die Orgel wieder spielt, kann sich Marco nicht mehr zu-rückhalten und fragt laut seinen schwerhörigen Großva-ter: „Glaubt ihr denn wirklich, was ihr da so erzählt?“
 
Ich glaube an Gott,

den Vater, 
den Allmächtigen,
den Schöpfer
des Himmels und der Erde,

und an Jesus Christus,
seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
aufgefahren in den Himmel;
er sitzt zur Rechten Gottes,
des allmächtigen Vaters;
von dort wird er kommen,
zu richten die Lebenden und die Toten.
Ich glaube an den Heiligen Geist,
die heilige christliche Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
Vergebung der Sünden,
Auferstehung der Toten
und das ewige Leben.
Amen.

Das „Apostolische Glaubensbekenntnis“ aus dem fünften Jahrhundert, das in den meisten Kirchen des Abend-landes gesprochen wird, enthält ja einige schwer verdauliche Lehr-sätze: Der Schöpfergott ist gleich-zeitig der Vater Jesu und unser Vater. Sein  Sohn ist unser Herr – wollen wir uns als freie Menschen denn einem Herrn unterordnen? Geboren wurde Jesus von einer Jungfrau – mit diesem Lehrsatz haben viele ihre Schwierigkeiten. Dass Jesus gelebt hat und gekreuzigt wurde, bezweifelt kaum jemand. Aber dass er am dritten Tage von den Toten auferstanden und später in den Himmel aufgefahren ist, das fordert unser Denken wirklich heraus! Dass Gott mit Jesus oder ohne Jesus die Lebenden und Toten am Jüngsten Tag einmal zur Rechenschaft zieht, bezweifeln die Einen, die Anderen hören es mit Genugtuung, dass es wenigstens dann den Bösewichtern an den Kragen geht. Mit dem Heiligen Geist tun wir es uns ein wenig schwer. Wir wissen von der unsichtbaren Energie der Elektrizität: Wir wissen, was Begeisterung alles bewirken kann, aber mit dem Heiligen Geist, der heiligen christlichen Kirche, der Gemeinschaft der Heiligen tun wir uns doch schwer. Von der Vergebung der Sünden: hören wir gern. Ob Jesus wirklich von den Toten auferstanden ist und ob wir auch von den Toten auferstehen und ewig leben werden? Es wäre schön!
Glaube ist nicht Wissen
In der Homepage des Fachbereichs Mathematik der U-niversität Bielefeld fand ich folgendes „Mathemati-sches Glaubensbekenntnis“: Ich glaube an die Algebra, die Analysis, die Stochastik, die Rechnung mit einer o-der mehreren Unbekannten, und an die Differentialglei-chungen, homogen und inhomogen, den Satz von Rolle, entwickelt zum Mittelwertsatz, mehrdimensional und mit Hilfe der Jacobimatrix, mit spezieller und allgemei-ner Lösung, zur Berechnung von Problemen in der Chemie, Biologie und Physik. Ich glaube an die Nume-rik, zur Umsetzung der Probleme auf dem Rechner, zu Verhinderung von Ungenauigkeiten und zur Annähe-rung an Ergebnisse, ausgegeben von einem Rechner. Amen“
Keine religiöse Wahrheit ist mathematisch messbar oder berechenbar. Mit der Mathematik kann ich nicht die Schönheit in der Natur oder in der Kunst berechnen. Wie weit meine Hoffnungen und Ängste mein Denken und Handeln beeinflussen, ist mit der Mathematik  auch nicht zu ermitteln. Menschliche Logik und Wissen rei-chen nicht aus, um auf alle Fragen des Lebens eine Antwort zu geben. „Das Schönste und Tiefste, was der Mensch erleben kann, ist das Gefühl des Geheimnisvol-len. Es liegt der Religion sowie allem tieferen Streben in Kunst und Wissenschaft zugrunde. .... Zu empfinden, dass hinter dem Erlebbaren ein für unseren Geist Uner-reichbares verborgen sei, dessen Schönheit und Erha-benheit uns nur mittelbar und in schwachem Widerschein erreicht, das ist Religiosität. In diesem Sinne bin ich religiös. Es ist mir genug, diese Geheim-nisse staunend zu ahnen und zu versuchen, von der er-habenen Struktur des Seienden in Demut ein mattes Abbild geistig zu erfassen.“ (Albert Einstein)
Glaube ist Vertrauen
„Erinnerst du dich noch, wie du als kleines Kind auf die hohe Birke in unserem Garten geklettert bis?“, fragte Marcos  Großvater beim Mittagessen. „Ich weiß bis heute nicht, wie du das mit deinen fünf Jahren geschafft hast. Oben warst du nun, aber du hattest auf einmal furchtbare Angst, herunter zu klettern.“ – „Ja, ich erin-nere mich!“, antwortete Marco. „Du hast mir dann zu-gerufen, welchen Fuß ich auf den nächsten Ast setzen und wie ich mich drehen sollte. Ich konnte einfach nicht mehr nach unten sehen.“  - „Aber du konntest mich hören, und du hast Vertrauen gehabt!“, stellte der Großvater fest. „So ist das auch mit dem Glauben: Ich muss nicht alles wissen, aber ich kann Vertrauen zu Gott haben. Weil ich Vertrauen habe, kann ich auf Gott hören. Deshalb glaube ich ja auch an Gott! Ich habe immer wieder gute Erfahrungen mit Gott gemacht!“
Jesus selbst sieht im Vertrauen von Kindern das beste Vorbild für den Glauben.
Glaube ist Erfahrung
Die Bibel erzählt, dass Mose einmal Gott persönlich se-hen wollte. Doch jeder Mensch, der Gott ins Gesicht sieht, muss sterben. Gottes Licht ist zu hell! Deshalb stellt sich Mose in eine Felsspalte; Gottes Hand be-schützt ihn, bis Gott an ihn vorüber gegangen ist. Dann kann Mose Gott von hinten sehen. (2. Mose 33, 18-23) „In wie viel Not hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet?“, singen wir in einem bekannten Kir-chenlied. Es wurde übrigens nach sehr leidvollen Erfah-rungen gedichtet. Die Nähe Gottes erkennen wir oft erst im nachhinein. Erwachsene haben zwar meistens kein kindliches Vertrauen mehr; ihre Lebenserfahrungen könnten aber gleichzeitig ihre Glaubensschätze sein.
Glaubensbekenntnisse sind  Glaubenserfahrungen
„Mein Vater war ein Aramäer, dem Umkommen nahe, und zog hinab nach Ägypten und war dort ein Fremd-ling mit wenig Leuten und wurde dort ein großes, star-kes und zahlreiches Volk.  Aber die Ägypter behandelten uns schlecht und bedrückten uns und legten uns einen harten Dienst auf. Da schrien wir zu dem HERRN, dem Gott unserer Väter. Und der HERR erhörte unser Schreien und sah unser Elend, unsere Angst und Not und führte uns aus Ägypten ...  und brachte uns an diese Stätte und gab uns dies Land, darin Milch und Honig fließt. Nun bringe ich die Erstlinge der Früchte des Landes, das du, HERR, mir gegeben hast.“ (5. Mose 26,5-10) So lautet das älteste Glaubensbekenntnis der Bibel. Es ist eigentlich eine sehr kurze Wiedergabe der Geschichte Israels von Jakob bis Josua. Ähnlich enthält unser bekanntes „Apostolisches Glaubensbekenntnis“ eine kurze Wiederholung des Lebens Jesu von Weihnachten bis Pfingsten. Das alttestamentliche Glau-bensbekenntnis ist gleichzeitig auch ein Dankeschön an Gott für die Bewahrung der Menschen und die Gaben des Schöpfers. Auch das Glaubensbekenntnis der Kir-chen will ein Dank an Gott sein: Danke für die Schöp-fung; Danke für die Heilung und Bewahrung; Danke für eine gute Zukunft! Seine Glaubenssätze wollen zum Nachdenken einladen, nicht zum Glauben zwingen!
Christ-Sein am Beginn des 21. Jahrhunderts.                                                                  Ekhard Brandes

Die Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg hat  zehn Sätze aufgestellt, in denen formuliert wird, was uns an unserer Existenz als Christen und an der Ge-meinschaft in unserer  Kirche wichtig und kostbar ist:
1. Christen vertrauen auf Gott, den Schöpfer allen Le-bens. Bei ihm suchen sie Wahrheit und erfülltes Leben. Ihr Glaube befähigt zu einem Leben, in dem die Hoff-nung größer ist als die Angst.
2. Christen halten sich zu Jesus Christus. Sein Leben ist Gottes Liebeserklärung an die Welt. Auch angesichts von Bedrohungen vielfältiger Art ist der christliche Glaube lebensbejahend und menschenfreundlich.
3. Christen hoffen auf Gottes lebendigen Geist. Er be-wegt und erneuert. Er macht frei. Darum treten Christen dafür ein, dass nichts Menschliches vergöttert wird - weder Rasse noch Nation, weder Fortschritt noch Er-folg, weder Leistung noch Macht noch Gewinn.
4. Christen halten daran fest, dass alle Menschen als un-verwechselbare Geschöpfe Gottes geachtet werden. Kein Mensch ist mit seinen Taten oder Untaten, mit sei-ner Leistung oder seinen Fehlleistungen gleichzusetzen. Das ist der Kern aller Menschlichkeit in der Gesell-schaft.
5. Christen können Schuld bekennen und um Vergebung bitten. Darin gründet ihre Freiheit. Aus dieser Freiheit fließt die Bereitschaft, Verantwortung für sich und an-dere zu übernehmen.
6. Christen vertrauen darauf, dass Gottes Liebe sie über den Tod hinaus trägt und ihrem Leben Sinn gibt, auch wenn ihr Weg durch Krisen und Leiden führt. Sie er-warten die neue Welt Gottes und mit ihr die Antwort auf ungelöste Fragen.
7. Christen wollen zur Achtung unter den Menschen, zur Gerechtigkeit und zum Frieden beitragen. Sie setzen sich für ein gerechtes Miteinander von Frauen und Männern, von Jungen und Alten ein. Sie widersetzen sich der wachsenden Ungleichheit in der einen Welt.
8. Christen leben vom Erbarmen Gottes. Darum treten sie für Rücksicht gegenüber Schwächeren und Recht von Fremden ein. Sie unterstützen Chancen eines Neu-anfangs für die, die schuldig geworden sind oder sich verrannt haben.
9. Christen wissen sich als Teil von Gottes Schöpfung. Sie bemühen sich, pfleglich mit ihrer natürlichen Um-welt umzugehen. Sie tragen Sorge für die Umwelt der nachfolgenden Generationen.
10. Christen sind angewiesen auf die Gemeinschaft in der Kirche. In der Begegnung mit der christlichen Bot-schaft finden sie Rückhalt und Orientierung im Leben und im Sterben. Diese Botschaft weiterzusagen, sind sie beauftragt. Die Kirche bietet allen Menschen Raum für Stille und Besinnung, für Feier und Aktion, Begegnung und Dialog.

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