Vom Gebet, das keine Grenzen kennt...

Von Kind auf ist vielen das Vaterunser vertraut, spätestens aber seit dem Konfirmandenunterricht. Unzähligen Menschen ist es gerade in Grenzsituationen eine tief in die Seele reichende Hilfe gewesen. Wenn ich es am Krankenbett, nach einem eingehenden Gespräch über all das, was belastet, mit dem Patienten bete, erlebe ich danach beim Patienten fast immer tiefe Entspannung und Dankbarkeit.

Eine Frau erzählte mir, wie sie das Vaterunser geholfen hat, als sie ihre im Sterben liegende Schwägerin in deren letzten Stunden begleitete: "Ich las ihr ihren Konfirmationsspruch vor. Ich erinnerte sie an schöne Erlebnisse und Erfahrungen aus ihrem Leben, von denen auch ich wusste. Ich sprach von dem, was jetzt um sie herum schön ist - die Frühlingssonne, das Erwachen, die Menschen in der Nähe...Und als ich damit am Ende war, da suchte ich - und schließlich fiel mir ein, das Vaterunser für sie zu beten. Ich legte meine Hände auf die der Sterbenden, ganz leise und behutsam, und sprach dann die alten Worte. Danach, ob es Augenblicke oder Minuten waren, weiß ich nicht mehr, hörte ich von der Kranken einen tiefen Seufzer, der mir ganz stark nach Erlösung klang - und meine Schwägerin hatte es geschafft."

Das Größte, was einen Menschen aufgegeben wird, ist das Sterben - Müssen, das Überwinden dieser Grenze. Das Einfinden in die Worte des Gebetes Jesu kann da zu einem entscheidenden, Wege öffnenden Anstoß werden.

Allerdings sagen manche auch, das Vaterunser sei der größte Märtyrer, denn es werde oft nur gedankenlos dahergeplappert. Vielleicht sind folgende Zwischentexte zwischen den Vaterunser - Worten (Verf.: K. Rommel) eine Hilfe, dieser Gefahr nicht zu erliegen.
 
 
Vater unser und aller Menschen,
aller Völker,
Dein Name werde geheiligt durch das, was wir glauben und tun
Dein Reich komme zu uns in unser Denken und Planen,
in unsere Ängste und Sorgen,
in unsere Häuser und Gemeinden
Dein Wille geschehe wie im Himmel durch deine Liebe
so auf Erden durch unsere Liebe.
Unser tägliches Brot dein Brot auf dem Tisch
und dein Wort als Brot
gib uns und allen,
die nach deinem Brot schreien
heute und morgen und alle Tage.
Und vergib uns unsere Schuld, die uns täglich belastet,
die uns von dir
und den Brüdern trennt,
wie wir vergeben unseren Schuldigern und es immer
wieder versuchen zu tun.
Und führe uns nicht in Versuchung durch die Vielzahl der Möglichkeiten,
Angebote, Meinungen und Stimmen,
sondern erlöse uns von dem Bösen, dem Hunger nach Macht,
dem Hass gegeneinander,
der Angst vor dem Tod.
Denn dein ist das Reich der Liebe und des Lebens,
und die Kraft gegen Schuld und Tod
und die Herrlichkeit des Lebens in Freude
und Friede und Freiheit
in Ewigkeit. Amen.

Gottfried Kramer
Pastor in Speele und Lutterberg

Vater Unser für Ehepaare

Vater unser im Himmel ...
Ja, Vater, wir haben Ja gesagt  zu Dir und zueinander; wir trauen Deiner Nähe und vertrauen darauf, dass Du uns die Kraft zum gemeinsamen Leben zutraust und mit uns gehst, auch wenn wir Dich in der Ferne von uns in irgendeinem Himmel vermuten. Wir spüren, Du lässt uns nicht allein, ob wir uns den Himmel bereiten oder die Hölle. Wir vertrauen uns Dir an auf jedem Weg, den wir miteinander gehen.

geheiligt werde Dein Name
Unsere Ehe ist ein Bild des Bundes, ein Bild Deiner Einheit, der Liebe, die Dich, O Gott, bindet: an Dich, an Dein Wort, an uns Menschen. Unsere Gemeinschaft ist ein Lob Deines Namens. Unser Tun ist geheiligt durch Dich. Unser Zuhause ist Deine Wohnung; offen für jeden, der uns sucht, der Dich  sucht, Gemeinschaft sucht, Liebe sucht.

Dein Reich komme ...
Wir sind unterwegs, lange noch nicht am Ziel. Unser Reden kommt uns so groß vor, unser Tun bleibt weit dahinter zurück. Wir wünschen uns schon jetzt Dein Reich, Deinen Frieden, innere und äußere  Stille, Ruhe, die uns Zeit und Gelegenheit gibt, das aufzubauen, wovon wir träumen, mit Dir, in  Deinem Geist, in Deiner Kraft, in Deinem Reich, in dem Reich des Friedens und der Liebe.

Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden
Wir bauen ein Wolkenkuckucksheim, eine Traumstadt aus Perlen der Liebe und Zärtlichkeit, aus Steinen, die wir uns in den Weg räumen oder die wir füreinander aufheben. Aber unsere Ehe ist nur Wirklichkeit, wenn wir beides sehen: unsere Wünsche und Träume und die Ängste und Ärgernisse, die wir uns selbst bereiten. Darum wünschen wir uns, Dein Wille, "Friede den Menschen, die guten  Willens sind", gehe auch bei uns in Erfüllung. Wir wünschen viel füreinander, voneinander, und stoßen an Grenzen.

unser tägliches Brot gib uns heute ...
Noch haben wir genug zu essen. Wir haben so viel, dass wir Freunde daran teilnehmen lassen können.
Es geht uns gut, wir haben Arbeit und Einkommen. Und doch spüren wir, dass dies nicht alles ist, dass dies nicht das einzige Brot ist, das wir wirklich brauchen. Das Brot, das uns nährt, das unsere  wirkliche Not wendet, finden wir nur im Befolgen Deines Wortes. Gib uns täglich dieses Brot, Deinen Geist, Deine Liebe, Deine Kraft, Dein Wort mit in unseren Tag. Lass es uns teilen, miteinander und  füreinander, mit Freunden und Fremden, dann werden wir mehr teilen, Dich mitteilen können im Brot,
das wir essen, im Brot, von dem wir leben.

und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern ...
Wie schwer fällt es uns manchmal, nachzugeben, zu entschuldigen, uns für ein Unrecht zu  entschuldigen, den Partner aus seiner Schuld zu entschuldigen. Und doch liegt darin viel, vielleicht  alles, vielleicht das Wohl und Wehe unserer Ehe: Freiwerden von Schuld, Freimachen von Schuld. Die Schuld, die aus kleinen und großen Fehlern erwachsen ist, sie soll nicht mitwachsen in unserer Ehe, sie soll unsere Beziehung zueinander  und zu Dir nicht überwuchern. Hilf uns, mit klaren Augen einander anschauen zu können, Dich anschauen zu können.

und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen ...
Wir haben mit vielen anderen Menschen, mit neuen Dingen und Ideen zu tun. Wir finden viele Anregungen für uns selbst, für unser Sprechen und Leben miteinander aus Begegnungen mit anderen.
Manchmal erscheint dieses Neue, dieses Fremde angenehmer und leichter als das, was uns zu schaffen macht, lohnender als unsere eigene Beziehung, sinnvoller als unsere hoffnungslose Situation.
Öffne uns dann die Augen, dass wir das Vordergründige durchschauen, das Tiefe spüren, das Dein Ja-Wort in uns gelegt hat und wachsen ließ. Lass uns nicht leichtfertig miteinander umgehen, mit unserem Ja-Wort, mit all unseren Hoffnungen und Wünschen, nichts zerbrechen, was so mühsam gewachsen ist. Führe uns heraus, neu zueinander hin. Lass uns immer wieder neu beginnen, unser Ja immer stärker zu dem Band werden, das uns trägt, nicht fesselt, den Weg weist, nicht versperrt; denn es ist der rote Faden unserer Liebe, den Du mit uns begonnen hast und mit uns weiterträgst.

denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.Amen.
Rita Bug-Sippel und Norbert Bug

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